Die Einleitung

Kernaussage: Eine wissenschaftliche Einleitung soll das Interesse des Lesers wecken. Sie beschreibt den Bedarf, das Ziel und die Vorgehensweise der Arbeit.


Wie ist die Einleitung einer wissenschaftlichen Arbeit aufgebaut?

Die Einleitung besteht aus drei Teilen:

1. Der Darstellung der Wichtigkeit der Arbeit

Eine wissenschaftliche Arbeit soll eine Forschungsfrage beantworten und einen Nutzen haben (zumindest einen möglichen Nutzen, siehe „Wissenschaftliche Anforderungen"). Ein Nutzen setzt immer einen Bedarf voraus. Also beschreibt die Einleitung als erstes den Bedarf für diese Arbeit: Warum ist es wichtig, diese Forschungsfrage zu beantworten? bzw. Warum ist es wichtig, dieses Problem zu lösen? Warum ist es wichtig, diese Wissenslücke zu füllen? Warum ist es wichtig, diese These zu beweisen? ...

„Natürlich wird die wissenschaftliche Bedeutung davon bestimmt, wie unverzichtbar die neue Untersuchung ist." (Eco, Umberto (2005). Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt, Heidelberg: C. F. Müller)

Hier als Beispiel Sätze aus der Einleitung eines Buches über Literaturinterpretation:

„Interpretation ist in den letzten Jahren wieder in den Mittelpunkt der literaturwissenschaftlichen Reflexion gerückt. … Nicht nur zahlreiche Schriftsteller, auch Literaturwissenschaftler machen sich systematisch Gedanken über den Gebrauchswert der Literatur, über die Bedeutung von Lesen und Schreiben für das gesellschaftliche Leben überhaupt, für die Entwicklung der einzelnen Menschen. … Ausgangspunkt [dieses Buches] ist die Frage nach dem Nutzen der Literatur und der Literaturinterpretation … " (Schutte, J. (1993). Einführung in die Literaturinterpretation, Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler)

Weitere Fragen, die in der Einleitung beantwortet werden können, sind zum Beispiel: Wie ist dieser Bedarf entstanden? Welche Stellung nimmt die Arbeit ein in Bezug auf andere Veröffentlichungen zu diesem Thema? Was ist bei dieser Arbeit das Neue bzw. das Besondere?

Bei einem wissenschaftlichen Artikel oder einer Dissertation müssen die Antworten auf die Fragen nach dem Bedarf und dem Nutzen mit mehreren Literaturhinweisen belegt werden. Drei unterschiedliche Literaturhinweise reichen normalerweise aus, damit eine Aussage als „anerkannt" gilt (Hall, G. (2003). How to Write a Paper, London: BMJ Publishing Group, S. 2). Die Literaturhinweise sollen zeigen, dass der Autor zu Beginn seiner Arbeit eine systematische Überprüfung (systematic review) der relevanten Literatur durchgeführt hat.

„When an author undertakes a systematic review, they pose a clear question, gather all relevant information (published in whatever language or unpublished), discard the scientifically weak material, synthesise the remaining information, and then draw a conclusion.
To undertake such a review is clearly a major task, but this ideally is what you should do before you begin a new study. ... You should include a brief account of the review in the introduction. Readers will then fully understand how your study fits with what has gone before and why it is important." (Hall, G. (2003). How to Write a Paper, London: BMJ Publishing Group, S. 8-9)

Eine systematische Literaturrecherche findet alle wichtige Literatur zu einer Forschungsfrage. Bei einer Bachelorarbeit muss nur die allerwichtigste Literatur gefunden und eventuell in der Einleitung genannt werden (s. u.). Später, wenn der neueste Forschungsstand in dem Kapitel zur Theorie dargestellt wird, muss auf die allerwichtigste Literatur Bezug genommen werden. Eine Masterarbeit steht zwischen einer Bachelorarbeit und einer Dissertation.

Bearbeitet die Arbeit ein Thema, über das aktuell nicht diskutiert wird, dann kann es trotzdem sehr wichtig sein für eine kleine Gruppe der Bevölkerung oder für eine einzelne Firma. Oder das Thema kann in der Zukunft wichtig werden und erst dann in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücken.

2. Die Darstellung des Ziels der Arbeit

Nach der Darstellung des Bedarfs, soll das Ziel der Arbeit benannt und erklärt werden. Das Ziel der Arbeit ist die Befriedigung des beschriebenen Bedarfs, also die Beantwortung der aus dem Bedarf abgeleiteten Forschungsfrage. Das Ziel kann als Aussage formuliert werden: „Das Ziel der Arbeit ist ... " oder als Frage: „Das Ziel der Arbeit ist es, die folgende Frage zu beantworten: .... ?"

Das Thema der Arbeit ist der Hauptgedanke oder der Hauptgegenstand, um den es in der Arbeit geht. Ein Ziel ist ein gewünschtes zukünftiges Resultat, welches genau bestimmt ist in Bezug auf den Inhalt, die Zeit und den Umfang. Entsprechend dieser Definition muss das Ziel der Arbeit, also die angestrebte Antwort auf die Forschungsfrage, präzise formuliert werden. Mit einer schwammigen Zielformulierung wird ein Leser (der Betreuer) nicht zufrieden sein (siehe „Thema und Betreuer wählen").

Bei den meisten wissenschaftlichen Arbeiten sind die zur Verfügung stehende Zeit und der Umfang der Arbeit begrenzt, so dass auch der Inhalt begrenzt sein muss. Ich kann mir nur ein begrenztes Ziel setzen. Bei einigen Bachelor- oder Masterarbeiten gehört die Eingrenzung des Ziels mit zur Aufgabenstellung. In solch einem Fall sollte die Eingrenzung zusammen mit dem Ziel erklärt werden.

3. Der Darstellung der Vorgehensweise der Arbeit

Als Nächstes folgt eine kurze Darstellung, wie vorgegangen werden soll bzw. welche Methoden angewandt werden sollen, um das Ziel zu erreichen. Die Vorgehensweise bzw. die angewandten Methoden stehen zwar auch in der Zusammenfassung  (dem Abstract), doch dort werden sie nur genannt. In der Einleitung sollte der Leser ein klein wenig mehr Informationen erhalten, zum Beispiel: Warum wurde diese Vorgehensweise gewählt? Was sind die Vor- oder Nachteile der Vorgehensweise?  Handelt es sich um anerkannte Methoden bzw. wer hat die Methoden bisher wie angewandt? Mussten die Methoden an besondere Versuchsbedingungen angepasst werden?

In diesem Abschnitt der Einleitung kann auch der Aufbau der Arbeit (Kapitel für Kapitel) beschrieben werden. Ein außergewöhnlicher Aufbau sollte erklärt werden. Bei einem normalen Aufbau der Arbeit halte ich persönlich eine Beschreibung für überflüssig, da sich der Leser anhand des Inhaltverzeichnisses einen Überblick verschaffen kann. Das Inhaltsverzeichnis nochmal als Text zu lesen, kostet den Leser nur Zeit und bringt ihm keinen Vorteil.

Zu diesem 3. Punkt gibt es unterschiedliche Ansichten, weshalb in einem gültigen Bachelor-/Masterarbeit-Merkblatt nachgesehen oder der Betreuer gefragt werden sollte.

Für die Einleitung eines wissenschaftlichen Artikels, die ja viel kürzer ist als die Einleitung einer Bachelor-/Masterarbeit, gibt es diesen Ratschlag: „Give the study’s design but not the conclusion ... I ask authors to give a one sentence description of their study at the end of the introduction. ... Other editors may think differently." (Hall, G. (2003). How to Write a Paper, London: BMJ Publishing Group, S. 13)


Welchen Zweck soll die Einleitung erfüllen?

Wie trifft ein potentieller Leser die Entscheidung, ob er die Arbeit ganz lesen will oder nicht? Als erstes liest er den Titel, dann das Inhaltsverzeichnis, die Einleitung und die Zusammenfassung (das Abstract). In welcher Reihenfolge die letzten drei gelesen werden hängt von der persönlichen Vorliebe oder der speziellen Fragestellung des Lesers ab.

Die Einleitung nimmt dabei eine besondere Stellung ein, denn aus ihr lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die Arbeitsweise der Autorin bzw. des Autors. Wer durchdacht arbeitet, wird keine „wirre" oder langweilige Einleitung schreiben.

Eine Einleitung ist langweilig, wenn sie nur im Allgemeinen bleibt oder Behauptungen aufstellt, die nicht durch passende Literaturstellen oder praktische Beispiele belegt werden. Optimal passende Literaturstellen findet man nur durch eine systematische Überprüfung der relevanten Literatur (systematic review s. o.).

Ein potentieller Leser wird denken: Wer eine kurze und interessante Einleitung schreiben kann, arbeitet auch präzise und seine Arbeitsergebnisse sind vertrauenswürdig (Ausnahmen bestätigen die Regel). Da nicht jede Person schreibbegabt ist, gilt der Umkehrschluss nicht: Trotz schlechter Einleitung kann es sich um eine gute Arbeit handeln.

Wer eine gute Einleitung schreiben will, sollte bei 5 – 10 fertigen Abschlussarbeiten die Einleitung durchlesen. Danach sollte jedem klar sein, wie angenehm es ist, eine gute Einleitung zu lesen und dass man sich bemühen sollte, selber eine solche zu schreiben (hoffentlich war unter den zehn Einleitungen eine gute dabei). 


Für wen wird eine Bachelor- oder Masterarbeit geschrieben, für Normalbürger, Fachleute oder Spezialisten?

Die Arbeiten werden geschrieben für interessierte Fachleute des jeweiligen Studienganges. Das heißt, schon die Kommilitoninnen und Kommilitonen, die mit der Autorin oder dem Autor in ihrem Abschlusssemester sind, müssen die Arbeit verstehen und nachvollziehen können. Deshalb sollten spezielle Fachbegriffe in der Einleitung nur dann benutzt und definiert werden, wenn dies zur Erklärung des Nutzens, des Ziels oder der Vorgehensweise unbedingt notwendig ist. Solche speziellen Fachbegriffe werden normalerweise im theoretischen Hauptteil der Arbeit definiert und erklärt.


Wie lang soll bzw. darf die Einleitung sein?

Die Länge der Einleitung hängt ab von dem Umfang der Arbeit. Bei einer Arbeit mit 40 Seiten (ohne Anhänge) sollte die Einleitung nicht länger sein als eine oder anderthalb Seiten. Bei einer Arbeit mit 80 Seiten sollte die Einleitung nicht länger als 2 Seiten sein. Eine kurze Einleitung macht auf die Leser einen guten Eindruck.

Oft gibt es für den betreffenden Studiengang ein Merkblatt, in dem die formalen Anforderungen (auch für die Länge der Einleitung) an die Bachelor- oder Masterarbeit stehen. Im Zweifelsfall ist immer der Betreuer zu fragen, wenn es z. B. außergewöhnliche Gründe gibt, eine längere Einleitung zu schreiben.


Warum soll gleich zu Beginn der Arbeit ein Entwurf der Einleitung geschrieben werden?

Ein Entwurf der Einleitung sollte gleich am Anfang geschrieben werden, denn je klarer das Ziel und seine Hintergründe sind, umso zielgerechter kann die Arbeit durchgeführt werden.

Dazu ein Zitat: „The introduction should be brief and must state clearly the question that you tried to answer in the study. ... Nevertheless, some studies seem to develop a life of their own, and the original objectives can easily be forgotten. I find it useful to ask collaborators from time to time what question we hope to answer. If I do not receive a short clear sentence as an answer, then alarm bells ring." (Hall, G. (2003). How to Write a Paper, London: BMJ Publishing Group, S. 2) Siehe auch den ersten Vorschlag (suggestion #1: Don' t wait: write) dieses Videos: www.youtube.com/watch?v=g3dkRsTqdDA, 10.05.15)

Bei der Darstellung der Vorgehensweise im Einleitungsentwurf kann natürlich nur das geplante Vorgehen beschrieben werden. Vor Abgabe der Arbeit muss die Einleitung gründlich überarbeitet werden: Inhaltlich, weil sich der Kenntnisstand inzwischen vertieft hat und weil die Arbeit eventuell anders durchgeführt wurde als geplant. Stilistisch, damit die Einleitung auf den Leser einen guten Eindruck macht.


Wie schreibe ich den Entwurf einer Einleitung?

Den Entwurf einer Einleitung schreibe ich nachdem ich die Arbeit mit meinen Betreuer durchgesprochen habe oder weil ich eine Arbeit mit diesem Thema einem möglichen Betreuer vorschlagen will.

Im ersten Fall habe ich mit meinem Betreuer das Ziel und die Vorgehensweise der Arbeit besprochen und muss das Besprochene nur aufschreiben. Wenn mir das schwer fällt, gibt es noch Unklarheiten, die ausgeräumt werden müssen. Genau das ist ja der Sinn, weshalb ich diesen Entwurf schreibe.

Es kann sein, dass ich mit dem Formulieren der Sätze Schwierigkeiten habe, da ich im Verlauf meines Studiums das Schreiben von Texten nicht geübt habe. Dann sollte ich in fertigen Bachelor- oder Masterarbeiten nachsehen, wie andere ihre Einleitung geschrieben haben (s.o.).

Bei der Darstellung des Bedarf für die Arbeit hilft mit die vorhandene Literatur. Da es sich nur um einen Entwurf handelt, muss ich mir noch keinen systematischen Überblick über die relevante Literatur verschaffen, ein Einstieg reicht. Es geht darum 2 - 3 gut passende Literaturstellen zu finden, auf deren Grundlage ich Ideen entwickeln kann, um die Wichtigkeit meiner Arbeit zu begründen. Die Literaturstellen sind wichtig, damit ich eine interessante und überzeugende Begründung schreiben kann. Eine Begründung, die der Leser schon kennt, weil sie nur auf Allgemeinwissen beruht, wäre langweilig.

Ob ich eine Literaturstelle in der Einleitung als Quelle angebe hängt davon ab, ob ich ihre Ideen und Formulierungen übernehme (Angabe notwendig) oder ob ich sie nur als Grundlage für meine eigenen neuen Ideen verwende (keine Angabe notwendig).

Ich muss also eine Literaturrecherche durchführen (siehe auch „Die Literatur suchen"):

Zur Vorbereitung meiner Suche lege ich mir auf meinem Computer einen Ordner an (z. B. „Einleitung-Datum") mit zwei Unterordnern: „gut" und „sehr gut". In den Unterordnern werde ich meine Treffer speichern.

Zuerst schaue ich im OPAC meiner Bibliothek nach, ob es zu meinem Thema wichtige Bücher gibt, die ich mir „sichern" muss. Das Gleiche mache im „Karlsruher Virtuellen Katalog", denn eine eventuell notwendige Fernleihe kostet Zeit. Ich merke mir die Autoren interessanter Bücher, weil diese Namen im Verlauf meiner Recherche noch nützlich sein könnten.

Danach suche ich kurz mit einer Suchmaschine im Internet, um einen Überblick zu bekommen, was es dort zu meinem Thema gibt. Dann wechsele zu einer wissenschaftlichen Suchmaschine z. B. „Google Scholar". Mit ihr will ich herausfinden, wer das Problem, welches ich bearbeiten soll, schon erforscht hat und zu welchen Ergebnissen sie oder er gekommen ist. Zu meinem Problem will ich den Stand der Forschung herausfinden.

In „Google Scholar" gebe ich eine Kombination von zwei Begriffen (Suchwörtern) ein, die mein Problem beschreiben. Dann starte ich die Suche und sehe mir die Treffer an. 

Dabei konzentriere ich mich auf die Artikel, deren Voll-Text frei zugänglich ist (deren Zahl ist höher, wenn ich mit einem Computer meiner Hochschule suche). Diese Artikel „überfliege" ich, um mich dann zu entscheiden: uninteressant oder speichern im Ordner „gut" (weil er mein Thema nur am Rande behandelt oder weil er später interessant werden könnte) oder speichern im Ordner „sehr gut". Beim Überfliegen achte ich auf besondere Fachausdrücke oder Kernbegriffe. Vielleicht finde ich neue Suchwörter, mit denen ich besser suchen kann.

Habe ich einen sehr guten (oder auch nur guten) Artikel gefunden, führe ich eine Rückwärtssuche durch (welche interessante Literatur wird in dem Artikel zitiert, siehe Literaturliste) und eine Vorwärtssuche durch (wer hat diesen Artikel zitiert, „zitiert von:"). Ich kann auch nach „ähnlichen Artikeln" suchen. (Bei „Google Scholar" gibt es die entsprechenden Button.)

Habe ich längere Zeit gesucht, mache ich erst einmal eine Pause. Dann lese ich die Artikel in dem Ordner „sehr gut" genau durch, ob ich dort ein Zitat für meinen Einleitungsentwurf finden kann. Habe ich keinen Erfolg, kann ich mir noch die Artikel im Ordner „gut" ansehen oder weitersuchen, wobei ich noch weitere Kombinationen von Suchwörtern ausprobiere.

Kann ich dann immer noch keine passenden Literaturstellen für meine Einleitung finden, würde das bedeuten, dass noch niemand zu dem Thema meiner Arbeit geforscht hat. Es stellt sich die Frage: Warum hat dazu noch niemand geforscht? Oder: Wenn doch, warum ist es für mich so schwer diese Forschungsergebnisse zu finden? Auch die Antwort auf eine dieser Fragen kann eine Begründung für die Wichtigkeit meiner Arbeit sein und ich könnte sie in meiner Einleitung verwenden. Interessant wäre dann natürlich die Stellungnahme meines Betreuers.

Wenn ich im Laufe meiner Arbeit weitere Literaturrecherchen durchführe, sollte ich darauf achten, ob ich nicht Literaturstellen finde, welche als Grundlage für meine Einleitung besser geeignet sind, als die bisher verwendeten.

 

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